
Von Stefan Pixner
Wer wissen möchte, warum es Farben überhaupt gibt und weshalb unser Gehirn ihnen offenbar mehr Aufmerksamkeit schenkt als manch vernünftigerem Gedanken, sollte einen Blick in die Biologie werfen. Vielleicht ist Farbe ja weit mehr als ein hübsches Accessoire der Natur. Vielleicht ist sie deren älteste Sprache – und wir haben bis heute nicht alle ihre tieferen Botschaften verstanden.
Die Laubenvögel: Baumeister mit Galerie
Besonders interessant wird das bei den Laubenvögeln. Was diese gefiederten Baumeister veranstalten, lässt mich bisweilen staunen und gleichzeitig an der vermeintlichen Überlegenheit des Menschen zweifeln. Während wir uns mitunter schon bei der Auswahl einer passenden Wandfarbe überfordern, errichten diese Vögel wahre Gesamtkunstwerke, dekoriert mit bunten Blättern, Blüten und Früchten. Sie bauen nicht einfach ein Nest. Sie eröffnen eine Galerie – mit eindeutigem Fortpflanzungsinteresse.
Dabei gilt eine bemerkenswerte Regel: Je unscheinbarer das Männchen selbst gefärbt ist, desto mehr scheint es sich ins Zeug zu legen, um wenigstens architektonisch und farblich Eindruck zu schinden. Wo die Natur beim Gefieder gespart hat, wird eben mit Dekoration nachgebessert. Ein frühes Beispiel für die Erkenntnis, dass man nicht unbedingt selbst glänzen muss, solange das eigene Umfeld es tut.
Wer schön baut, darf seine Gene weiterreichen
Das Weibchen betrachtet das fertige Werk und entscheidet, ob der Künstler als Vater seiner zukünftigen Nachkommen infrage kommt. So wird aus ästhetischer Bewunderung ein biologischer Auftrag: Wer schön baut, darf seine Gene weiterreichen. Wer nicht überzeugt, bleibt kinderlos – und seine kreative Laufbahn endet mit ihm. Die Evolution kennt schließlich weder Mitleid mit erfolglosen Künstlern noch eine Förderung für vielversprechende Talente.
Da die Lauben (Nester) häufig in Sichtweite voneinander liegen, wird die Natur zur Freiluftgalerie und die Partnerwahl zum Wettbewerb. Die Weibchen können vergleichen, die Männchen müssen nachlegen. Und wenn dem Nachbarn die schönere Farbe gelingt, wird eben kurzerhand dessen Dekoration geplündert. Ideenklau, Kunstraub und Konkurrenzdenken sind offenbar keine bedauerlichen Nebenwirkungen der menschlichen Zivilisation, sondern tief verwurzelte Bestandteile des Lebens. Der Mensch hat das Rad also nicht neu erfunden – er hat höchstens Eintritt verlangt.
Die Evolution als Kunstkritikerin
Am Ende setzen sich jene Künstler durch, die den besten Blick für Farbe, Gestaltung und Wirkung besitzen. Nicht unbedingt die Stärksten gewinnen, nicht einmal die Schönsten im klassischen Sinne, sondern diejenigen, die Schönheit überzeugend inszenieren können. Die Evolution erweist sich damit als eine Art Kunstkritikerin, die ihre Rezensionen nicht mit Sternen, sondern mit Nachkommen vergibt.
Und vielleicht liegt darin eine ziemlich tiefgründige Wahrheit: Ich frage nicht, ob Schönheit einen tieferen Sinn hat – in der Natur finden wir alle Antworten, wenn wir bewusst schauen. Natürliche Schönheit ist kein Luxus, sondern eine Investition in die Zukunft. Sie ist die Eintrittskarte in die nächste Generation.
Stefan Pixner